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TERN

February 19, 2026

Nicht das Talent ist das Problem – der Prozess ist es

Am 3. Februar 2026 trafen sich in München bei den Heimerer Schulen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis, um über ein Thema zu sprechen, das längst zum strukturellen Kern der Pflege in Deutschland gehört: die Anerkennung internationaler Pflegefachkräfte.

Auf den ersten Blick ging es um Verfahren – um Zuständigkeiten, Prüfungsformate, Bearbeitungszeiten. Doch je weiter der Nachmittag voranschritt, desto deutlicher wurde, dass sich hinter diesen Fragen etwas Grundsätzlicheres verbirgt. Es geht nicht nur darum, bestehende Prozesse zu verbessern. Es geht darum, wie wir internationale Fachkräftegewinnung insgesamt denken.

Dass der Handlungsdruck hoch ist, wurde bereits zu Beginn deutlich. In einer Videobotschaft betonte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter die zentrale Rolle internationaler Pflegekräfte für das Gesundheitssystem der Stadt. Gleichzeitig zeigte sich in den Beiträgen aus der Verwaltung, wie stark die Zahlen steigen und wie sehr die bestehenden Strukturen gefordert sind.

Das Bayerische Landesamt für Pflege arbeitet bereits mit digitalen Verfahren, standardisierten Abläufen und modularen Anpassungsmaßnahmen, um Anerkennungsprozesse effizienter zu gestalten. Projekte wie das Kompetenzzentrum internationale Pflege (KiP) in München schaffen zusätzliche Kapazitäten und neue Prüfungsformate.

All das sind wichtige Schritte – und sie zeigen, dass sich das System bewegt. Dennoch blieb im Verlauf der Diskussion ein Gedanke präsent: Viele dieser Maßnahmen setzen erst dort an, wo Herausforderungen bereits entstanden sind. Sie beschleunigen Verfahren, strukturieren Abläufe und schaffen mehr Transparenz. Sie lösen aber nicht die grundlegende Frage, warum Anerkennung für viele internationale Fachkräfte überhaupt so komplex ist.

Crowd

Ein Blick auf die gesamte Prozesskette liefert darauf eine Antwort. Zwischen Ausbildung im Herkunftsland und dem ersten Arbeitstag in Deutschland liegen zahlreiche Schnittstellen: Sprachqualifikation, Dokumentation, rechtliche Anforderungen, fachliche Unterschiede, praktische Erfahrung.

Wenn diese Elemente nicht aufeinander abgestimmt sind, entstehen zwangsläufig Reibungsverluste. Das System reagiert darauf mit Anpassungsmaßnahmen, Prüfungen und zusätzlichen Qualifizierungsschritten – also mit Lösungen, die im Nachhinein ausgleichen, was zuvor nicht optimal vorbereitet wurde.

Im Laufe des Fachtags wurde daher zunehmend die Frage diskutiert, wie sich diese Logik umkehren lässt. Welche Rolle spielen strukturiertes Recruiting, frühzeitige Vorbereitung und eine bessere Verzahnung der einzelnen Prozessschritte? Welche Möglichkeiten bieten digitale Lösungen und datenbasierte Ansätze, um Matching und Vorbereitung gezielter zu gestalten? Und vor allem: Wie kann man verhindern, dass Defizite überhaupt erst entstehen?

Die Antwort auf diese Fragen kam nicht in Form eines theoretischen Modells, sondern als konkretes Praxisbeispiel – am Ende der Veranstaltung.

Mit dem Pflegestudiengang des Kolegji Heimerer im Kosovo wurde ein Ansatz vorgestellt, der genau an diesem Punkt ansetzt. Die Ausbildung ist von Beginn an auf die Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes ausgerichtet. Fachliche Inhalte orientieren sich an deutschen Standards, die Studierenden erwerben parallel Sprachkenntnisse bis zum Niveau B2, absolvieren Praxisphasen in Deutschland und stehen bereits während ihrer Ausbildung im Austausch mit potenziellen Arbeitgebern.

Adrian and Matthias

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Ergebnis dieses Ansatzes: Die Abschlüsse werden in Bayern vollständig anerkannt. Es sind keine nachgelagerten Anpassungsmaßnahmen notwendig, keine zusätzlichen Lehrgänge, keine langen Unsicherheiten im Verfahren. Anerkennung erfolgt nicht als nachträglicher Ausgleich, sondern als logische Konsequenz einer strukturierten Vorbereitung.

Gerade im Kontext der vorherigen Diskussionen wurde deutlich, welche Tragweite dieser Ansatz hat. Während ein Großteil der bestehenden Systeme darauf ausgerichtet ist, Abweichungen zwischen Ausbildung und Anforderungen auszugleichen, zeigt dieses Modell, dass sich diese Abweichungen auch vermeiden lassen.

Anerkennung wird damit nicht einfacher, weil das Verfahren verkürzt wird – sondern weil der Weg dorthin konsistent gestaltet ist.

Dieser Perspektivwechsel ist zentral. Er verschiebt den Fokus von der Optimierung einzelner Prozessschritte hin zur Gestaltung des Gesamtsystems. Statt Anerkennung als isolierten Verwaltungsvorgang zu betrachten, wird sie als Teil einer durchgängigen Kette verstanden, die bereits im Herkunftsland beginnt und erst mit der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt endet.

Für die Praxis bedeutet das: Internationale Fachkräftegewinnung lässt sich nicht nachhaltig verbessern, wenn einzelne Elemente getrennt voneinander gedacht werden. Recruiting, Ausbildung, Sprachqualifikation, Anerkennung und Integration müssen ineinandergreifen. Nur dann entsteht die Planbarkeit, die sowohl für Fachkräfte als auch für Arbeitgeber entscheidend ist.

Der Fachtag in München hat genau diese Zusammenhänge sichtbar gemacht. Er hat gezeigt, dass Fortschritt nicht nur darin besteht, bestehende Verfahren effizienter zu gestalten, sondern auch darin, ihre Grundlogik zu hinterfragen. Und er hat deutlich gemacht, dass es bereits heute Modelle gibt, die zeigen, wie ein solcher Ansatz in der Praxis funktionieren kann.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die sich durch den gesamten Tag gezogen hat:

Nicht das Talent ist das Problem. Es war es nie. Entscheidend ist, wie wir die Systeme gestalten, in denen dieses Talent ankommt.

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